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Selbst bei Texten in völlig unbekannten Sprachen kann man häufig erkennen, um welches Thema es ungefähr geht, weil man Namen und Zahlen wiedererkennt. In europäischen Sprachen entstammt darüber hinaus ein großer Teil des Wortschatzes dem Lateinischen, Griechischen oder Französischen – und neuerdings auch dem Englischen – und ist damit "international" verständlich. Bei den germanischen, romanischen und slawischen Sprachen kommt aber noch der jeweilige gemeinsame Erbwortschatz dieser Sprachfamilien hinzu, der es ermöglicht, einen Großteil der Wörter einer unbekannten Sprache wiederzuerkennen, wenn man eine Sprache der entsprechenden Familie beherrscht. So ist ein großer Teil des Vokabulars anderer germanischer Sprachen für Sprecher des Deutschen eigentlich nicht fremd und muss jedenfalls für einen "passiven" (rezeptiven) Umgang mit den Sprachen nicht eigens gelernt werden. Je nach Sprache schwankt dieser Anteil etwas, beim Niederländischen ist er noch größer als bei den skandinavischen Sprachen, die (ohne das nicht-germanische Finnische) einen eigenen, "nordischen" Zweig der germanischen Sprachfamilie bilden. Innerhalb der nordischen Sprachen, vor allem zwischen Dänisch, Norwegisch und Schwedisch, bestehen sehr große lexikalische und grammatische Übereinstimmungen. Durch zahlreiche Entlehnungen aus dem Niederdeutschen (vor allem in der Hansezeit) haben sich diese drei Sprachen lexikalisch aber auch dem Deutschen und Niederländischen wieder angenähert. Unterschiedliche Folgen für die Übereinstimmung der Wortschätze hat der Purismus gehabt, der sich (unterschiedlich stark) auf alle germanischen Sprachen ausgewirkt hat und dies z.T. auch weiterhin tut: Im Prinzip werden dabei (meistens gemeinsame) Entlehnungen durch sprachspezifische Neubildungen ersetzt, die Gemeinsamkeiten also verringert. Häufig lehnen sich diese Neubildungen aber in übereinstimmender Weise an die Bildungsweise des Fremdworts an und verwenden dabei lexikalisches Material aus dem gemeinsamen Erbwortschatz, sodass die Ersatzwörter dann doch wieder übereinstimmen oder zumindest durchsichtig sind.

In dem schwedischen Textbeispiel sind hier die Namen, Zahlen und Internationalismen und die vom Deutschen  her erkennbaren germanischen Wörter bzw. Wortstämme farbig markiert:  

Milgramexperimentet är ett berömt psykologiskt experiment som beskrevs 1963 av Stanley Milgram. Ett av Milgramexperimentets syften var att undersöka lydnad och auktoriteters inverkanen försökspersons förmåga att skada en annan människa.

62,5% av försökspersonerna gav den maximala shocken med 450 volt. Ingen av kandidaterna hörde upp före 300 volts gränsen.


Abgesehen von wenigen immer wiederkehrenden Funktionswörtern sind in diesem Text nur die beiden Wörter syfte ('Ziel') und lydnad ('Gehorsam') nicht von Deutschen her bekannt. 

Manchmal stimmt die Bedeutung / Verwendung der Wörter allerdings nicht vollständig überein (so würde man für förmåga im Deutschen hier nicht Vermögen, sondern Fähigkeit verwenden, für inverkan nicht Einwirken, sondern eher Einfluss). Oft lässt sich aber mit Hilfe des Kontextes (und über Umwege wie hier z.B. das Gegenteil Unvermögen oder das Verb etwas zu tun vermögen) die richtige Bedeutung erschließen - "falsche Freunde" sind für das Verstehen oft viel unproblematischer als landläufig angenommen.     

Bei den germanischen Wörtern sind zum genauen Erkennen teilweise Kenntnisse von Lautentsprechungen (evtl. auch Ausspracheregeln) und Morphologie hilfreich oder sogar notwendig, aber zumindest der Wortstamm ist wahrscheinlich in vielen Fällen spontan erkennbar. Darüber hinaus sind auch noch einige der kurzen Funktionswörter, die nicht markiert sind, mit deutschen oder englischen Wörtern verwandt. Durch die Kürze und z.T. unterschiedliche Funktion ist ein spontanes Erkennen hier aber schwieriger.

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