Germanische Interkomprehension

Interkomprehension bezeichnet das Erarbeiten eines Verständnisses fremdsprachlicher Texte unter Zuhilfenahme spezieller Erschließungstechniken. Es wird also "nur" auf eine passive sprachliche Teilkompetenz abgezielt. Die Interkomprehension macht sich die Tatsache zunutze, dass für das Verständnis von Texten in einer verwandten Sprache bereits Wissen aus der eigenen Sprache zur Verfügung steht. Dazu gehören vergleichbare grammatische Strukturen, vor allem aber Wörter, die Wörtern der eigenen Sprache so ähnlich sind, dass ihre Bedeutung erschlossen werden kann. Mit einigen grundlegenden Erschließungstechniken und einer Beschreibung von für das Textverstehen wichtigen Unterschieden zwischen der Ausgangssprache und der Sprache des zu erschließenden Texts lässt sich in relativ kurzer Zeit die Grundlage zur selbstständigen Erarbeitung einer Lesekompetenz herstellen.

Neben der romanischen und der slawischen Sprachfamilie bilden die germanischen Sprachen die dritte große europäische Sprachfamilie. Niederländisch und Friesisch gehören wie das Deutsche zum westgermanischen Sprachzweig. So ist es vom Deutschen aus relativ einfach, sich in diese Sprachen einzulesen. Aufgrund der über lange Zeit getrennt verlaufenden Entwicklung des west- und des nordgermanischen Sprachzweigs ist die Auseinandersetzung mit skandinavischen Texten allerdings eine etwas größere Herausforderung. Hier sehen sich deutsche Muttersprachler mit unbekannten morphologischen sowie nicht ableitbaren lexikalischen Elementen konfrontiert, vor allem im Bereich der Funktionswörter. Aufgrund unterschiedlicher phonologischer Entwicklungen in den Einzelsprachen ist die lexikalische Verwandtschaft oft auch nicht sofort durchsichtig. Dennoch finden sich in dänischen, schwedischen und norwegischen Texten zahlreiche Wörter, die unmittelbar verständlich sind. Der Einstieg in die Lesekompetenz einer der skandinavischen Sprachen ist also etwas mühsamer als z. B. in die des Niederländischen, verschafft aber gleichzeitig Zugang zu den übrigen Sprachen dieser Gruppe, die zahlreiche morphologische und lexikalische Besonderheiten gemeinsam hat.