BokmålDass es in einem
relativ kleinen Land zu einer so
komplexen Sprachsituation mit zwei gleichgestellten Schriftsprachen
kommen konnte,
erklärt sich durch die bewegte norwegische Sprachgeschichte. Von 1536
bis 1814 stand
Norwegen unter dänischer Herrschaft. In dieser Zeit löste das Dänische
das
Norwegische als Schriftsprache im öffentlichen Leben nahezu vollständig
ab, die
meisten Norweger sprachen aber nach wie vor ihre Dialekte. Das Dänische
hinterließ dennoch Spuren in der gesprochenen Sprache, insbesondere in
den
höheren gesellschaftlichen Schichten in Zentren wie z.B. Oslo. Als
Norwegen
1814 eine eigene Verfassung erhielt, war der Weg frei, das Norwegische
als
Schriftsprache wieder einzuführen. Problematisch hierbei war aber das
Fehlen
schriftlicher Konventionen für das Norwegische. Es kristallisierten
sich bei
der Frage, wie man dieses Ziel erreichen sollte, zwei Fraktionen
heraus. Eine
der beiden wurde von Knud Knudsen (1812-1895) angeführt. Er wollte das
Dänische
durch sukzessive Reformen nach und nach „norwegisieren“. Diese
Strategie führte
zur Schaffung der Bokmål-Norm, die mit der Rechtschreibreform im Jahr
1907 offiziell
in Kraft trat. Mit dem Dänischen als Vorlage wurden Änderungen auf den
phonologischen, morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Ebenen
vorgenommen, die in erster Linie die Sprache der oberen Schichten Oslos
reflektierten. Diese Sprache wurde zunächst Riksmål,
später Bokmål genannt. Es wird geschätzt,
dass ca. 85-90% der Bevölkerung
Bokmål schreibt, Tendenz steigend. Bezogen auf dialektale Räume findet
Bokmål
seine weiteste Verbreitung im Osten des Landes, insbesondere um Oslo
herum. Die
Bokmål Norm breitet sich immer weiter aus und wird zunehmend als erste
Schriftnorm
in der Schule eingesetzt, auch in Gebieten, in denen Nynorsk früher
starken Halt
hatte (z.B. im Süden des Landes). Diese generelle Präferenz für Bokmål
spiegelt
sich vor allem in den Medien wider. Wenn man Norwegisch im Ausland oder
als
Ausländer in Norwegen lernt, beginnt man immer mit Bokmål. Die Bokmål-Norm
ist für deutsche Verhältnisse
erstaunlich flexibel, was sich beispielsweise im Genussystem der
Substantive
bemerkbar macht: Je nachdem, welche Varietät der Standardsprache man
bevorzugt,
hat das Bokmål entweder zwei (sog. Utrum und Neutrum) oder drei
(Maskulin,
Feminin und Neutrum) Genera. Das Zweigenussystem wurde vom Dänischen
übernommen
und gilt dementsprechend als Merkmal des „konservativen“ Bokmåls,
während das
Dreigenussystem dem Stand der meisten Dialekte entspricht und deshalb
für sog.
„moderates“ oder „radikales“ Bokmål steht. Ansonsten ist die
Flexionsmorphologie des Bokmål
meistens transparenter als die des Deutschen, was den schnellen Erwerb
von
Lesefertigkeiten begünstigt. Dies gilt für gewisse Aspekte der
Verbflexion
(z.B. keine Person- oder Numerusmarkierung) und insbesondere für die
Substantivflexion (keine Kasusmarkierung, vereinfachte Pluralbildung). |
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