NynorskAls Norwegen 1814 eine eigene Verfassung erhielt, war der Weg frei, das Norwegische als Schriftsprache wieder einzuführen. Problematisch hierbei war aber das Fehlen schriftlicher Konventionen für das Norwegische. Es kristiallisierten sich zwei Fraktionen heraus, wie man dieses Ziel einer norwegischen Schriftnorm erreichen sollte. Während Bokmål das Produkt einer vorsichtigen „Norwegisierung“ des schriftlichen Dänischen repräsentiert, sollte Nynorsk ein möglichst treues Bild der Dialekte mit möglichst wenig kontinentalem Einfluss liefern. Als Vater dieser Schriftsprache gilt Ivar Aasen (1813–1896), der im 19. Jahrhundert dialektale Texte sammelte und lexikalische und grammatische Formen der zahlreichen norwegischen Dialekte dokumentierte. Basierend auf dieser umfassenden Dokumentation schlug er gemeinsame dialektale Formen vor, welche die Grundlage einer neuen schriftlichen Norm des Norwegischen bildeten: Diese Norm hieß zunächst landsmaal (Landessprache). 1929 wurde der Name der Sprache zu nynorsk (Neunorwegisch) geändert.Der Gebrauch von Nynorsk in Schulen erreichte im
Zweiten Weltkrieg mit 34% seinen Höhepunkt. Schätzungen
zufolge benutzen derzeit ca. 10-15% der norwegischen Bevölkerung Nynorsk als
Schriftsprache, aber die Zahlen für die Sprachpräferenz in der Schule zeigen
eine sinkende Tendenz auf. Die größte Unterstützung für Nynorsk kommt aus dem
Westen des Landes (insbesondere Møre, Romsdal, Sogn, Fjordane, Hordaland und
Rogaland), in denen Nynorsk im öffentlichen Leben sowie in der Tagespresse eine
zentrale Rolle spielt. In der Flexionmorphologie sind nur wenige Stolpersteine anzumerken.
Der wichtigste ist die Präsenskonjugation der starken Verben. Im Nynorsk haben
diese oft eine einsilbige, endungslose Form im Präsens gegenüber der meist zweisilbigen
Form auf -r in Bokmål, die sich nicht
ohne weiteres anhand des Infinitivs ableiten lässt.
Ein auffälliger Unterschied, der aber viel
problematischer für das Texteverstehen ist, besteht im lexikalischen Purismus
des Nynorsk. Diese Politik sieht vor, Entlehnungen zu vermeiden und stattdessen
auf „norwegischere“ Wortbildungsaffixe zurückzugreifen. Im Visier dieser
puristischen Bestrebungen sind leider zahlreiche affixhaltige Wörter mit einer
deutschen Entsprechung. Diese werden im Nynorsk entweder durch andere Affixe
oder durch ein anderes Lexem ersetzt. Dies erschwert den Zugang zur Lexik in
erheblichem Maße, insbesondere im Vergleich zum Bokmål.
Wenn Norwegisch außerhalb Norwegens gelehrt wird, bleibt Nynorsk deutlich unterrepräsentiert. Die meisten Lehrwerke für Ausländer behandeln nur Bokmål. Glücklicherweise hat man inzwischen durch das Internet einen viel besseren Zugang zu Nynorsk-Texten als noch vor wenigen Jahren. Einen deutlichen Vorteil hat Nynorsk, falls man auch in Richtung Isländisch und Färöisch tendiert: Mehrere lexikalische und morphologische Merkmale des Nynorsk, die es von Bokmål (und dadurch von den anderen festlandskandinavischen Sprachen) absetzen, kommen jedoch im Isländischen und im Färöischen vor. Die Auseinandersetzung mit Nynorsk bietet somit für den Erwerb von Kompentenzen in diesen Sprachen entscheidende Vorteile, die leider häufig außer Acht gelassen werden. |
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